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Ausstellungsrundgang
Zerbrechliche Schönheit

Saal 2

Glas spiegelt und reflektiert, Glas bündelt Licht und zerlegt es in Farben. Glas ist sicht- und unsichtbar zugleich. Glas ist transparent aber auch opak. Glas eignet sich als Baustoff und ist eine umhüllende Schicht. Glas ist schneidend hart, aber es ist auch sehr zerbrechlich. Glas ist schwer zu fassen und gerade aus diesem Grund faszinierend schön.

Ausgehend von diesen paradoxen Eigenschaften, welche die Künstler zu virtuosen Höchstleistungen herausfordern, werden in der Ausstellung die Themenkomplexe „Spiegelungen und Reflexe“, „Licht- und Farbenspiele“, „Durchsichten und Einsichten“, „Form, Körper und Hülle“ sowie „Zerbrechlichkeit und Härte“ behandelt.

Der Saal ist mit prunkvollen, vorwiegend niederländischen Stillleben des 17. Jahrhunderts sowie mit modernen Installationen den „Spiegelungen und Reflexen“ als Sinnbildern weltlicher Freuden und luxuriösen Wohlstandes gewidmet. Das Kapitel wird von allegorischen Darstellungen zur Zerbrechlichkeit der Liebe abgerundet und kontrastiert mit dem nächsten Abschnitt, in welchem Wissenschaftler, Ärzte und Alchemisten unter das Motto der „Durch- und Einsichten“ gestellt werden. Ein Kabinett mit den virtuosen Werken von Sebastian Stosskopf führt die zerbrechliche Schönheit von Glas vor Augen.

Saal 3

In diesem Saal dominiert das Gegenüber von „Innen und Außen“ und von „Licht und Dunkelheit“. Eingangs wird der Blick auf Nacht- und Kerzenstillleben der Frühen Neuzeit gelenkt. Für die meisterhafte Wiedergabe des Stilllebens im 17. Jahrhundert ist die detaillierte Beobachtungsgabe und die Kenntnis von optischen Effekten auf Glaskörpern eine wichtige maltechnische Voraussetzung. Das technische Wissen über „Licht- und Farbenspiele“ ließ derzeit eine symbolische Auffassung des Lichtes als Verkörperung des Göttlichen in den Hintergrund treten.

Das Motiv des Fensterglases fasziniert aufgrund der ihm innewohnenden Ambivalenz: es trennt und verbindet zugleich Innen- und Außenraum. Hier wird der Blick zunächst – durch das Glas hindurch – auf die umgebende Landschaft, Stadt oder Natur gelenkt. Die Reflexion des Lichtes auf Fensterglas macht den Werkstoff wiederum als eine trennende Schicht begreifbar. Durch die den Gemälden und Fotografien immanente Dialektik wird die menschliche Wahrnehmungspraxis thematisiert.

Die Spiegelung der Umwelt thematisieren auch jene Werke, welche die Frage der Selbstreflexion aufgreifen. Sie zeigen Glasgefäße oder Glaskugeln, die auf ihrer Oberfläche Selbstdarstellungen des Künstlers widerspiegeln.

Die Reinheit des transparenten Glases inspirierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch die Mitglieder der Gläsernen Kette, einer Gemeinschaft expressionistischer Architekten. Bruno Taut sah Glas als einen idealen Grundstoff für Skulptur und Architektur einer neuen und utopischen Welt. Mit zeitgenössischen Künstlern wie Lee Bul, die sich konkret auf die Entwürfe der Expressionisten bezieht, und Mischa Kuball, der Trinkgläser als Filter einer Diaprojektion initiiert, leitet der Rundgang zum Themenkreis „Form, Körper und Hülle“, Materialität und Immaterialität, über. Sowohl tektonischen Glasgebilden als auch den in Stillleben und Porträts dargestellten Behältern und Trinkgefäßen bleibt schließlich der seit der Antike tradierte Topos vom Körper als Gefäß für die Seele eingeschrieben.

Saal 4

Dieser Saal behandelt die „Reflexe des Göttlichen“, denn dem transluziden Material Glas kommt auch in Deutungen christlicher Bildthemen eine wichtige Rolle zu. Kelchabbildungen in Stillleben spielen etwa auf die Passion Christi an und das lichtdurchlässige Glas stellt in den spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Marienbildern ein beliebtes Symbol der Jungfräulichkeit Marias dar. Die perfekte, alles einschließende Form der Kugel, die kein Anfang und Ende kennt, wird seit antiker Zeit mit der Welt assoziiert und symbolisiert in den Christusdarstellungen Gottes ewige Herrschaft über die Welt.

Das Thema der Zerbrechlichkeit und damit der Verwundbarkeit der menschlichen Existenz ist ein weiteres zentrales Motiv in diesem Raum. Arbeiten wie die Mariendarstellung von Joos van Cleve, Tobias Trutwin oder Maria Roosen thematisieren die Jungfrau Maria als Mutter, die um das zukünftige Leid ihres Sohnes weiß und sich damit belastet. Auch in Louise Bourgeois’ Werk spielt das Widersprüchliche des Mutterdaseins, Freude und Last ob der Verantwortung, eine große Rolle.

Durch seine Fragilität wird Glas zum Symbol der Vergänglichkeit. Es ist zentrales Attribut zahlloser Vanitas-Stillleben, vielfach in Form des umgestürzten oder zerbrochenen Trinkglases, aber auch als Stundenglas. Neben der endlichen Pracht der Blumenstilleben wird das Thema mit den apokalyptischen Reitern von Melli Ink und dem Glasmann von Jaume Plensa, bei dem sich eine Assoziation an Christus als Schmerzensmann aufdrängt, auch in der Gegenwartskunst aufgegriffen.

Die Ausstellung findet ihre Fortsetzung in der Sammlung und im Glasmuseum Hentrich. Einzelne ausgezeichnete Werke stehen im Dialog zu unserem Bestand. Der Übergang zur Sammlung befindet sich im 1.OG am Ende von Saal 3.

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